Verfasst von: lennyhamburg | 1. März 2013

Tatort: Münster

Frostig peitscht der Wind durch die Straßen der Stadt und lässt mir nicht weniger das Blut in den Adern gefrieren, als die ebenso eisigen Blicke der Münsteraner Aristokratie, wenn ich ihrem Mercedes-Jeep versehentlich die Vorfahrt genommen habe. Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass ich gerade diese Abende zuweilen im RWS I verbringe; dem rechtswissenschaftlichen Seminar, selbst-ernannten Gryffindor-Flügel der Universität und einziger Bibliothek, die zu (fast) allen Tageszeiten und Lebenslagen geöffnet hat. Meter-lange Schrankwände aus schwerem Birkenholz, bestückt mit den bayrischen Verfassungsblättern der Jahre 1784-1826, verleihen dem Ort eine bedächtige Atmosphäre. Wäre dies ein Harry-Potter-Roman, kämen die Bücher wohl aus dem Regal gesprungen und hätten wild nach meinen Finger geschnappt, um mich (als nicht-Juristen) aus ihrem Revier fortzujagen. Stattdessen hat mich die Bibliotheksaufsicht, eine strenge Dame jenseits von gut & böse, zu ihrem Lieblingsopfer erkoren: „Die Laptophülle bleibt schön draußen!“ schrillte schon es beim ersten Mal hinter mir, kaum dass ich zur Tür hineinkam. Ihr durchdringender Blick, umrahmt von tiefen Augenringen und einer gewissen Verbitterung in ihrer Ausstrahlung, legt sich seither wie ein dunkler Schatten über mein frohes Gemüt, sobald ich ihren Posten am Eingang passiere. Es kommt nicht von ungefähr, dass ich meine Zeit hier verbringe – anders als in unserer kleinen Geographie-Containerdorf-Bibliothek, deren Bücher jeden Freitag vor der PCB-Messung einmal durchgelüftet werden (müssen), geht es hier etwas konzentrierter zu. Ob meiner Prophezeiung als Geograph (für ALDI Parkplätze planen, oder als Taxifahrer darauf herumfahren) tue ich sicherlich nicht schlecht daran, ein paar zusätzliche Stunden in der Büchergrotte investieren. Denn während bei Naturwissenschaftlern, Ingenieuren oder eben Juristen die Claims weitestgehend abgesteckt sind, fällt vielen Leuten die Zuordnung der Geographie relativ schwer.

(c) https://i1.wp.com/portsmouth-duisburg.tripod.com/images/schimi2.jpg

Schimanski (1.v.l) bei der Arbeit

Wenn Akademiker mit einem Mordfall zu tun hätten, wären Naturwissenschaftler wohl die Augenzeugen; objektiv und unmittelbar am Geschehen. Die Spurensicherung übernähmen sicherlich die Archäologen und die Juristen, naja.. wären halt die Juristen. Und die Geographie?? Die wäre wohl eine Mischung aus Horst Schimanski und Monk. Zwischen allen Ebenen agierend, stecken sie überall ein bisschen drin, ohne vollständig mit Details befleckt zu sein. Sie führen Handlungsstränge zusammen, ergründen Motive, bilden Zusammenhänge und entwickeln daraus ein Gesamtbild. Eine unverzichtbare, aber schwer zu fassende Rolle, dazu manchmal ein wenig verstörend. So wird die Geographie zuweilen als Halbkunst verschrien, gar als akademischer Schwerenöter, weil es eben keine „klassische“ bzw. abgrenzbare Disziplin ist. Dabei sind die Forschungsfelder der Geographie so alt wie die Erde selbst; zudem hat sie einen sehr unmittelbaren Einfluss auf unser alltägliches Leben. Beispielsweise ist der anhaltende Kampf um Stuttgart 21 – wie auch um das Hamburger Schanzenviertel oder den Prenzlauer Berg in Berlin – geradezu ein Sinnbild für Konflikte um den öffentlichen Raum, die Gestaltung des gesellschaftlichen Lebens in der Stadt und deren Spiegelung in Architektur, Stadtplanung und Einwohnerschaft. Gentrifizierung und soziale Segregation sind Prozesse, die durch eine rein soziologische Betrachtung ebenso wenig erklärt werden können, wie eine ausschließlich wirtschaftliche Perspektive. Es ist erst die Synthese, das Zusammentreffen der einzelnen Zweige, die eine schlüssige Erklärung erlauben – ganz wie ein Fruchtmilkshake, der erst dann so richtig schmeckt, wenn man alles zusammenmixt.

Nicht weniger brisant ist auch die Geopolitik, deren Grundstein Friedrich Ratzel zum Ende des 19. Jahrhunderts mit der Synthese von Natur, Gesellschaft und Macht legte. Seine Argumentation, dass sich Staaten (analog zu Organismen) in einem ständigen Überlebenskampf befänden und Annexion wie Migration naturgemäß legitimiert seien, wurde stark durch den Darwinismus geprägt und galt seinerzeit als gemeinhin akzeptiert. Ratzel konnte wohl kaum ahnen, dass er damit die Büchse der Pandora geöffnet hat: Nur dreißig Jahre später bediente sich ein gewisser Karl Haushofer, der später als „Hitlers Lehrmeister“ in die Geschichte eingehen sollte, seiner Thesen und instrumentalisierte sie zur nationalsozialistischen Idee des „völkischen Lebensraumes“ und „Blut und Boden“-Ideologie. So wurde aus einer geographischen Theorie die vermeintlich“ wissenschaftliche“ Begründung der deutschen Angriffskriege im 2. Weltkrieg. Wohin dieser perfide Versuch geführt hat, ist hinlänglich bekannt. Umso interessanter ist es, im Rahmen der kritischen Geopolitik zu versuchen, eben jene Strategien aufzudecken und die Motive der geopolitischen Weltbilder entschlüsseln.

Huntington: „..Ich mach‘ mir die Welt widde-widde wie sie mir gefällt..“

Denn das magische Dreieck zwischen Mensch, Macht und Raum gehört sicherlich zu den heikelsten Bereichen, in die ein Wissenschaftler seine Nase stecken kann. Zu korrumpierend, zu manipulativ ist die Nähe zur Macht, zu suggestiv ist ihr Einfluss, um eine objektive Beurteilung zu erzielen. Es ist nicht allzu lange her, als die Öffentlichkeit auf den „Krieg gegen den Terror“ eingeschworen wurde – nach dem 11. September schien es nur allzu klar, welche neuen (Konflikt-) Regionen die Welt polarisieren sollten. Nicht wenige (Helmut Schmidt sei nur als prominentes Beispiel genannt) kramten flugs den Clash of Civilizations aka „Kampf der Kulturen“ aus der Tasche, um eine vermeintlich „plausible“ Begründung hinterher zuschieben. Was oftmals wie ein Naturgesetz hingenommen wurde, entpuppt sich bei näherer Betrachtung als zweifellos imposanter, aber auch fragwürdiger Ansatz. Denn im Gegensatz zur öffentlichen Wahrnehmung hat Samuel Huntington – langjähriger Berater des US State Departments und Harvard-Professor für int. Politik – keinesfalls das geopolitische Gegenstück zur elementaren Atomtheorie geschrieben, sondern schlichtweg seine persönliche, simplifizierte Weltanschauung veröffentlicht. Aus dem deskriptiven, beschreibenden Konzept der Kulturkreise wurde nach Huntingtons Lesart eine fundamentale Polarisierung, die Konflikte praktisch unumgänglich werden lässt. Wirtschaftliche oder politische Aspekte zählen dabei ebenso wenig wie die Tatsache, dass beispielsweise Schiiten und Sunniten durchaus konträre Ansichten zu ihrem ach-so-einheitlichen Kulturkreis Islam vertreten. Erst jüngst lieferte der arabische Frühling ein weiteres prima Antibeispiel, als arabische Rebellen amerikanische NATO-Bomber anfunkten, um Gaddafis Karawanen aus Weg zu räumen. It’s a mad world, ein konstruiertes Gebilde, gezeichnet aus westlicher Perspektive.

Hee-hee.. Politik? nix Eurrrropa? Bunga-bunga!

Viel entscheidender ist wohl die Identität, die wir uns geben und nach deren Weltbildern wir leben. Identität, die zweifelsohne auch kulturell geprägt ist, jedoch fast turnusmäßig ausbleicht wie Haare im Sommer und im Winter wieder nachfärbt. Es gibt sicherlich viele von uns, die mehr ihrer Werte (als Weltbürger?) mit einem muslimischen Gelehrten aus Timbuktu teilen, als mit einem Neonazi aus Neustrelitz. Doch wer weiß, nach welchen Motiven wir in ein paar Jahren streifen? Anti-Europäische Proteste, wie sie die derzeit allerorts die Menschen auf die Straße treiben, zeigen die Wankelmütigkeit dessen; von Europa-Euphorie zur offenen Abgrenzung ist es kein weiter Weg. Berlusconis Comeback ist wohl mein bester Zeuge. Folglich lieferte Huntington wohl nur die schlichte Antwort auf die komplexen Fragen nach Ende des Kalten Krieges – und erst recht dem 11. September: Eine griffige Einteilung in uns und die Anderen, eine willkommene Projektionsfläche für Ressentiments wie Sympathien und vor allem eine plausible Lösung für das geopolitische Vakuum. Tah-Dah – ein geopolitisches Leitbild, so unscheinbar und gewandt, dass man es glatt für die Realität halten könnte.

Ob Huntington schlichtweg den Nerv der Zeit getroffen oder nicht doch eine Art selbst-erfüllende Prophezeiung geschrieben hat, sei jedem selbst überlassen; es bezeugt allerdings eindrucksvoll die ungeheure Macht von geopolitischen Leitbildern. Wie beim Basteln einer Bombe reichen ein paar einfache Zutaten aus: Das Spiel mit der kulturellen Identität, die Abgrenzung gegenüber anderen Gruppen, Hervorhebung von konträren Differenzen und als i-Tüpfelchen die ungleiche (vulgo ungerechte) Verteilung von Macht und Ressourcen. Man braucht noch nicht mal demagogischer Handwerkskunst – ein „gutes“ Buch reicht aus, um sprichwörtlich die Hölle hereinbrechen zu lassen. Wenn Akademiker mit einem Mordfall zu tun hätten, wäre der Täter wohl auch unter ihnen.

(c) Lennard Nickel

Weitere Informationen:

Geopolitik – Annäherung an ein schwieriges Konzept (bpb)

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Responses

  1. Lieber Lennard,

    als ich mein Geographiestudium 1969 in Hamburg begann, schlich durch die Villa an der Rothenbaumchaussee noch der Emeritus Prof. Kolb, der Verfasser und Verfechter der „Kulturerdteile“, ein würdiger Vertreter der Hamburger Universität, deren Gründungsziel es 1919 unter Anderem war, bei der Rückeroberung der im 1. Weltkrieg verlorenen Kolonien zu helfen.

    Zwar studieren auch meine Kinder Alex und Elisa Geographie, aber ich habe für mich immer noch nicht endgültig geklärt, ob ich dieses grenzenlose, alles überwuchernde Fach eigentlich für wissenschaftlich halten soll.

    Aber die Themen sind halt so interessant – im Gegensatz zur Juristerei.


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