Verfasst von: lennyhamburg | 27. November 2012

Denn sie wissen nicht, was sie tun..

Jaja, schon der alte Jesus muss gewusst haben, dass einige Zeitgenossen mit dem Weltgeschehen zuweilen etwas überfordert sind. Ob es nun römische Präfekte oder deren Politik-Nachfolger im UN-Sicherheitsrat sind, man möchte meinen, sie alle haben manchmal leichte Wahrnehmungsschwierigkeiten. Leider waren es Jesus‘ letzte Worte in irdischer Gestalt, weshalb ich nun schlecht sagen kann, dass er sich angesichts der aktuellen Weltlage bestimmt im Grab umdrehen würde. Nun ja..

Alle mittendrin..Denn jüngst rückte wieder ein Konflikt in das öffentliche Gewissen, der sich längst jeder traditionellen Logik von Krieg und Frieden entzogen hat: Der seit mehreren Jahrzehnten schwelenden (Bürger-) Krieg in der demokratischen Republik Kongo. Befeuert durch einen schier unermesslichen Ressourcenreichtum, bekriegen sich seit mehreren Generationen verschiedene Regionalmächte um die Vormachtsstellung über die lukrativen Gebietschaften. Die zurückhaltende Berichterstattung hierzulande geht wohl mit dem Fakt einher, dass der gemeine Durchschnittseuropäer pauschal wenig mit dem Land anfangen kann: König der Löwen spielt weiter östlich in der kenianischen Savanne, Henning Mankell-Romane kommen aus Südafrika und die blutigen Verteilungskämpfe zwischen indigenen Völkern mit faustgroßen Ohrringen und apokalyptischen Reitermilizen ordnet man tendenziell dem Sahara-Raum zu. Was bleibt also an Assoziationen übrig? Der SPIEGEL nannte es öfters einfach nur Finsternis.

Dabei hat der Kongo eine Vita aufzuweisen, wie sie krasser kaum sein könnte. Gesegnet (oder sollte ich sagen: verflucht?) mit einem unglaublichen Resourcenreichtum, dessen Wert auf sagenhafte 24 Trillionen USD¹ geschätzt wird, müsste das Land eigentlich in der 1. Liga der afrikanischen Ökonomien mitspielen. Doch statt eines Spielers ist der Kongo unlängst zum Spielball geworden, wie ein Blick auf die jüngere Geschichte zeigt. Kaum eine Regierung zwischen Brüssel, Tripolis und Johannesburg hat sich nicht die Finger schmutzig gemacht, angezogen von der funkelnden Aussicht auf Diamanten, Coltan und Co. Angelehnt an das Buch Africa’s World War² von Gérard Prunier – einen fünfhundert-Seiten Wälzer, den ich allenfalls zur Hälfte verstanden habe, aber trotzdem sehr interessant finde – möchte ich die Frage beleuchten, warum es so schwer ist, für Konflikte wie diese eine Lösung zu finden.

Mobutu Sese Seko

Mobutu Sese Seko – ganz weit oben im Diktatorenquartett

In den 1960iger-Jahren begannen die ersten Spannungen in der Kivu-Region, ausgelöst durch Landkonflikte, Machtkämpfe und Migrationsbewegungen im Zuge der Unabhängigkeitsbestrebungen. Wenig später puschte sich ein Mann namens Mobutu Sese Seko an die Macht; er sollte das Land in den folgenden vierzig Jahren nach allen Regeln der Kunst auseinandernehmen. Zusammen mit den grandiosen fünf Milliarden USD an Hilfsgeldern, die er während der Jahre beiseite legte, brachte es ihm den Titel des archetypal African dictator des Time Magazines ein. Interessanterweise trieb sich damals auch ein gewisser Che Guevara in den Breiten zwischen Dar Es Salaam und Kinshasa herum; sein (erfolgloses) Engagement war kein Zufall, schließlich profitierte Mobutu bei seiner Machtergreifung von üppiger CIA-Hilfe³ und galt auf Grund seiner anti-kommunistischen Gesinnung als „..one of our most valued friends“ der Vereinigten Staaten. Sein Ende kam Zuge des 1. Kongokrieges, der 1996 vom Genozid in Ruanda angestoßen wurden; dessen neue Führung sah im östlichen Kivu die Drahtzieher des Völkermordes und lugte zudem auf die enormen Rohstoffvorkommen jenseits der Grenze.

Ein Jahr später nahm die Kabila-Family den Kongo unter ihre Fittiche und führt das Land bis zum heutigen Tage als „Familienunternehmen“ in zweiter Generation. Die Dynastie überlebte sogar die endlosen Wirren dessen, was als afrikanischer Weltkrieg in die Geschichtsbücher eingehen sollte: Der 2. Kongokrieg wütete von 1998-2003 und fordere samt Nachwirkungen etwa 5.4 Millionen Todesopfer (entspricht ziemlich genau der Einwohnerzahl Dänemarks). Dabei mischten nicht weniger als acht unabhängige Nationen und dutzende, konkurrierende Rebellengruppen mit; auch Teile der Bürgerkriege aus Burundi und Angola sowie des Uganda-Sudan-Konfliktes wurden dort ausgetragen. Selbst Tansania hatte, wenn auch nur am Rande, seine Finger im Spiel.

Der Kongo ist also DER Schauplatz und Schmelztiegel sämtlicher gesellschaftlicher Umwälzungen seiner Anrainerstaaten; vom Tschad bis hinunter nach Südafrika. Das mag nicht zuletzt daran liegen, dass die Bevölkerung in ethnischer bzw. kultureller Hinsicht sehr heterogen und fragmentiert ist; ein „Staatsvolk“ im europäische Sinne existiert wohl nur auf dem Papier. Die abstrakte Idee der Grenzen und Nationalstaaten, die der Region auf der Berliner Kongokonferenz (1884-1885) wie ein Korsett übergestülpt wurde, hat tiefe Wunden in das gesellschaftliche Gefüge gerissen, die noch heute aufplatzen. Die meisten Demarkations-Linien waren das Papier nicht wert, auf das sie gekritzelt wurden; jenseits jeglicher sprachlichen/ethnischen/kulturellen Grenzen durchschnitten sie vorherrschende Gebietseinteilungen, Lebensräume, Weideland und Migrationswege. Der resultierende „gesellschaftlicher Sprengstoff“ wurde schließlich durch das perfide Ausspielen der verschiedenen (indigenen) Volksgruppen zur Explosion gebracht. Anfangs wurde „nur“ Stamm A nach Osten getrieben, um Stamm B das Weideland wegzunehmen; Stamm C hat wiederum gar keine Pässe und wurde flux bspw. nach Uganda hergescheucht, weil der dortige Staatsmann ein paar zusätzliche Wählerstimmen benötigte. Bald ging man dazu über, die ursprünglichen kulturellen Unterschiede zwischen den Ethnien zu missbrauchen, um dem jeweils anderen ihre Lebensgrundlagen abzusprechen – man kann die Büchse der Pandora förmlich klacken hören. Katalysiert durch eine Waffenschwemme aus dem Norden nahm die „Marginalisierung“ einzelner Gruppen nochmal gehörig Fahrt auf und fand in genozid-ähnlichen Massakern ihren unrühmlichen Höhepunkt.

(c) Zeit.de

Die Auswirkungen sind entsprechend verheerend und bis heute sichtbar: ein stetiges Hin- und Her von Flüchtlingsströmen, zerstörte Administration & Infrastruktur sowie eine Lebensrealität, die Anarchie ziemlich nahe kommen muss. Auch die bemitleidenswerte (?) UN-Truppen mit dem klangvollen Namen MONUSCO vermag nur wenig auszurichten: Zu selten gestattet ihr Mandat eigenständiges und initiatives Handeln; zu träge ist der Verwaltungsapparat im Hintergrund. Die Befehlskette vom nepalesischen Gefechtsstand über den urugayischen Regionalkommandeur bis hin zur Eingreiftruppe aus Bangladesh ist wohl etwas zu lang und entzürnt die lokale Bevölkerung, wenn die Herren mit den blue barrets erst zum Protokoll schreiben auftauchen  – so berichtet es zumindest das Time-Magazine. Zudem erwiesen sich einige Offiziere als äußerst geschäftstüchtig und beteiligten sich am Gold- und Waffenhandel.

Angesichts der Fülle an Einflüssen fällt es offenbar nicht nur mir ziemlich schwer, die Lage angemessen zu überblicken. Vielleicht muten die Versuche der internationalen Gemeinschaft auch deshalb nur halbherzig an – ob man nicht kann oder nicht will, entzieht sich meiner Kenntnis. Viele Bemühung laufen sicherlich hinter den Kulissen ab, aber der öffentliche Fokus haftet nur selten länger als ein paar Minuten im Weltspiel auf den Kivus. Zudem lässt es sich nur erahnen, welche wirtschaftlichen und machtpolitischen Einflüsse im Dunklen mitwirken – Diamanten funkeln eben auch durch Blut hindurch. Statt handfeste Politik zur Konfliktlösung durchzusetzen, beschwichtigt die Weltgemeinschaft deshalb nur fortwährend das eigene Gewissen. Allzu oft kommt dann der kleinste gemeinsame Nenner heraus: Humanitäre Hilfe – unverbindlich, unverfänglich und vor allem unpolitisch. Denn so wichtig das World Food Programm (WFP), das Flüchtlingshilfswerk UNHCR und Co. auch sind – sie erfordern weder politisches Commitment noch eine klare Botschaft. Damit ist es in meinen Augen keine politische Maßnahme und lindert allenfalls die Folgen eines Konfliktes, ändert aber nichts an den Ursachen.

>> Bildergalerie der jüngsten Ereignisse (TM)

Man darf also bitterlich gespannt sein, wie es weitergeht: Von einer diplomatischen Lösung bis zu einer offenen Spaltung der Republik erscheint alles möglich. Schon 1996-97 schaffte es eine Rebellenallianz, mit ruandischer Unterstützung bis nach Kinshasa vorzurücken. Auch ein internationales Eingreifen, durch eine Offensive der Anrainerstaaten oder beispielsweise französisches Engagement (wie 1994 in Ruanda, als es schon zu spät war) kann nicht ausgeschlossen werden. Den Menschen vor Ort hilft das alles herzlich wenig – solange man weiterhin die Blätter grün anmalt, anstatt das Übel an den Wurzeln anzugehen, wird sich dauerhaft wohl nichts ändern.

by Lennard Nickel

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Responses

  1. Ja, Lennard, und zu diesem Thema hatte ich eine Abiarbeit eingereicht, die leider nicht genommen wurde. Wohl zu politisch.


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