Verfasst von: lennyhamburg | 21. Oktober 2012

Zurück in die Zukunft

Nun ist es gut einen Monat her, das ich nach meinem jüngsten Tansania-Trip wieder deutschen Boden betreten habe – allerhöchste Zeit also, einen kleinen Reisebericht nachzureichen. Die Idee zur Reise entsprang noch dem Bad-Honnefer-Fluchtreflex, der mich das letzte Jahr über begleitet hatte und mich in einem schwachen Moment bei Mamas Lieblingsfluglinie, Ethiopian Airlines, ein Ticket nach Dar Es Salaam buchen ließ. Nicht lange danach keimten allerdings die ersten Zweifel auf, ob es – nach nur einem Jahr – nicht etwas verfrüht sei, meine rosa-roten Tansania-Erinnerungen wieder mit der durchwachsenen Dar Es Salaamer Realität zu konfrontieren. Schließlich habe ich in meinen jungen Jahren wenig erlebt, was eine ähnliche emotionale Reichweite hatte und mich soo nachhaltig beeinflusst hat. Während mir die Einen mit schmachtenden Blick eine gute Reise wünschten, rieten mir andere gewissenhaft davon ab – man solle die Erinnerung in Frieden lassen und sich noch etwas Zeit gönnen, um genügend innere Distanz aufzubauen. Bis zuletzt zauderte ich, wohlwissendlich, dass mein Gehirn dazu neigt – wie auch jedes gutes Verfassungsschutzamt – sich unbequemer Erinnerungen durch diskretes Vernichten der entsprechenden Kapitel zu entledigen. Die Gefahr, angesichts dessen gegen eine rosa-schimmerende Glaswand zu laufen, war enorm.

kleines Highlight – die Ankunft der äthiopischen Olympia-Mannschaft im Parkhaus-ähnlichen Terminal

Doch galt es, mein Erinnerungs-Gerümpel etwas zu ordnen und schon vorab einem Phänomen aus dem Weg zu gehen, das mit dem Verb verbuschen umschrieben wird: Die willenlose und blinde Hinnahme sämtlicher Lebensabläufe im Gastland, die trotzige und unkritische Verteidigung dessen Schattenseite und ein allzu verträumter Blick auf das Leben dort, der nicht selten in kompletter Selbstaufgabe endet. Für uns – auf Anpassung getrimmte – Freiwillige ist ein leichter Hang dazu nicht unbedingt verkehrt; doch sobald die eigene Person (samt dessen Werten und Idealen) untergeht und der kritische Geist vollens verstummt, wird es in meinen Augen kritisch. Ich habe selbst erfahrene GIZler und anderes EZ-Volk dem Charme des Fremden erliegen sehen; sogar Aussagen wie „nur in Tansania kann ich mich richtig ausleben“ waren zu vernehmen. Dabei ist gerade jene Berufsgruppe intensiv auf eine professionelle Distanz angewiesen, um einen klaren Blick auf die Dinge zu bewahren, die sie eigentlich verändern sollen.

Daher blieb ich bei dem Plan, bewusst oberflächlich in der blubbernden Brühe des ‚Hot-Pots‘-Dar Es Salaam zu schwimmen, ohne dabei (wie letztes Mal) beherzt einzutauchen. So machte ich mich also eines schönen Tages auf nach Frankfurt, wo mich der Flug ET707/805 über den Addis Ababa nach Dar Es Salaam bringen sollte. Bereits auf der Antwort zum Flughafen bekam ich einen Vorgeschmack auf das, was eine tansanisch-indischen Telenovela nicht besser hätte inszenieren können:

unvorteilhafte Ausgangslage („Auf der A7 in Fahrichtung Süden hat sich gerade nahe der Anschlussstelle Guxhagen ein LKW querlegt, die Autobahn wurde vorläufig auf allen Spuren gesperrt“)

eine dramatisch ansteigende Spannungskurve am Check-In („Herr Nickel, also.. ähhh.. im Buchungssystem sind Sie leider nirgens gelistet“)

der zu Eis erstarrte Blick des Protagonisten und ungläubiger Reaktion („Ach was“)

hektische Gespräche mit unwissenden Beteiligten, hier in Form eines indischen Callcenter-Agenten („I have booking in my computer, send me eMail, I will do confirmation“)

sowie doch das letztendliche Happy End, als ich sich ein korpulenter ‚Supervisor‘ in der Lage sah, meine Buchung endgültig freizuschalten.

Ich kenne keinen Tansaner, der um eine Countdown-Fußgänger-Ampel gebeten hat..

Nach einem ernüchternden Zwischenstop in Addis Ababa (dem place-to-be im äthiopischen Hochland) und gut vierundzwanzig Stunden Reisezeit klackte schließlich geräuschvoll der Einreisestempel in meinem neuen, jungfräulichen Reisepass und ließ mich wieder den bitter-süßen Geruch Dar Es Salaam verspüren. Der omnipräsente Staub-Schlodder senkte sich in meine Poren wie.. ehhh.. Morgentau auf die Blätter einer Federnelke herab (hach!) und führte zur ersten allergischen Reaktion meines Lebens, die das Glücksgefühl der Rückkehr jedoch keineswegs minderten. Schon die Fahrt in die Stadt ließ mich mit den Ohren schlackern: Allerorts schossen Hochhäuser in die Höhe, die Stadt bekommt nebst Schnellbussystem sogar nun eine mini-S-Bahn spendiert und eine montröse, chinesisch-finanzierte Kongresshalle verschattet seither den Blick aus der deutschen Botschaft – es tut sich was, wie auch jüngst die BBC berichtete.

Die folgende Zeit, die ich vormittags zumeist im TAREA-Büro und nachmittags beim Einführungsseminar der neuen Freiwilligen verbrachte, fühlte sich an wie die logische Fortsetzung dessen, was ich im Sommer 2011 beendet habe – ein schönes Gefühl, schließlich bestätigte es (mich), dass meine Identität doch ein Stück weit international geworden ist. Zudem hatte ich die perfekte Mischung aus Verpflichtung, sprich tagsüber das Büro in Schuss zu halten, sowie Freizeit mit Anna & Simi (zwei Rückkehrern aus dem Jahrgang 08/09) und den neuen Freiwilligen. Drei Wochen lang durfte den altklugen Onkel spielen, mit meinem Schnack-Kiswahili die Neuankömmlinge beeindrucken und anschließend mit lakonischer Souveränität überspielen, dass einige Tansanier mein Genuschel gar nicht verstanden haben. Kein einziges Mal habe ich melancholisch zurückgeblickt – zu faszinierend, zu mitreißend war das Hier und Jetzt. Selbst die Tankstellen-Frau, die damals wie heute meine Versorgung mit Schokolade sicherstellte, erkannte mich wieder und mokierte sogleich, wo ich denn die letzten Monate geblieben wäre.

So vergingen die drei Wochen äußerst kurzweilig und endeten, nicht vor Vollendung eines unvergleichlich tansanischen Umzuges, mit der Einarbeitung der neuen Freiwilligen in das TAREA-Büro. Zeit für mich, ‚kwa heri‘ zu sagen und bis zum nächsten Sommer (?) die Segel zu streichen – mit dem Gewissen, dass die gedankliche Distanz im Kopf weitaus imposanter erscheint, als sie es tatsächlich in den Erinnerungen der Menschen ist.

Blick aus dem Dalla in Richtung Innenstadt

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Responses

  1. Fahr bitte noch oft hin, denn ich lese deine Berichte so gerne.

  2. Digger, ganz ehrlich: Du bist einer der ganz (ganz ganz ganz) wenigen Menschen die ich kenne, die wirklich gut schreiben können. Wären es weitere Themen und polemischere Stellungnahmen, wäre es umso interessanter. Du hast noch alle Chancen es meinem Berufswunsch gleich zu tun, damit wir in paar Jahren zusammen über den HSV oder für die Titanic schreiben ;).

  3. spannend, lenny! schön dadurch, von dir zu hören.
    Lea


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