Verfasst von: lennyhamburg | 15. Mai 2012

Last Letters from Bad Honnef..

alternativer Titel: „Was gesagt werden muss“

Neulich im April, es war einer dieser launenhaften Frühlingsabende, schlenderte ich unbedarft dem Bonner Hauptbahnhof entgegen, als ich wieder ein dezentes Schwingen in der Magengegend verspürte. Das Grummeln, mehr metaphorischer Natur, rührte nicht etwa von meinem Abendessen her, sondern markierte vielmehr meinen Eintritt in das Gravitationsfeld des Bonner Lochs. Genau wie seine intergalaktischen Counterparts hält es die Umgebung zusammen, ohne dass man auf den ersten Blick sieht, woher es diese Kraft nimmt. In meinem Beispiel gilt die Bonner Republik als Ereignishorizont, deren historischer Glanz als Bundeshauptstadt nunmehr einem muffigen, trüben Charme gewichen ist und scheinbar nur noch von diesem städtebaulichen Fiasko zusammengehalten wird. Doch noch immer bilde ich mir ein, die Stimmung der glorreichen Jahre spüren zu können, in denen sich dieser biedere Fleck Erde aufschwang und fortan die Liga der ausgewöhnlichen Gentlemen der Weltpolitik beherbergte.

Spürt ihr es auch?

Jedes Mal, wenn ich nun grimmigen Rentnern begegne, reist mein innerer Blick ein paar Jahrzehnte zurück und schweift über die Bürobauten der sechziger/siebziger Jahre, die sich entlang der Konrad-Adenauer-Allee aneinanderreihten. Drinnen verrichteten emsige Beamte und piekfeine Ministeriale ihren Dienst, die aus der deutschen Position als Tomatenstückchen zwischen den beiden Sandwichscheiben UDSSR und USA heraus, ein wenig Weltpolitik betrieben. Umhergetrieben von der Angst vor weltweiten Atomkriegen, ostdeutschen Spionen und arabischen Ölkrisen verrichteten sie tagsüber ihr Werk in den Bürokerkern und Amtsstuben, bevor sie abends durch Regen und peitschenden Wind zur U-Bahn trabten, die Mantelkragen hochgeklappt und den zerfledderten Generalanzeiger unterm Arm. Hastige Begrüßungen wurden einander durch das einschüchternde Rattern der Waggons zugemurmelt, die heute noch genauso knattern, wie vor vierzig Jahren. Nun, in Zeiten der Bonn-Berlin-Gesetze, ist ihnen die Empörung über den Verfall der Ordnung förmlich auf die Stirn geschrieben und nur ihre erschöpften Stimmbänder, immer noch heiser von den angeregten Debatten über den Kniefall von Willy Brandt und die Stationierung von Pershing-2-Raketen, halten sie davon ab, laut loszupöbeln.

So ähnlich verhält es sich mit der Stadt. Aus dem jungen, aufstrebenden Bonn, das seine besten Jahre im Herzen der Weltpolitik verbracht hat, ist ein seniler, alter Herr geworden. Die (urbanen) Extremitäten, sie nennen sich Bad Honnef oder Oberkassel, werden ungelenk und starr und das verbleibende Leben zieht sich in der Mitte zusammen. Als Herzschrittmacher wurde zwar die UN eingepflanzt, deren Unterorganisationen sich um bedeutsame Anliegen wie das Wohlergehen der europäischen Fledermauspopulation kümmern; doch auch das vermag den Lauf der Zeit nicht zu stoppen. Es entbehrt nicht einer gewissen Tragik, wenn die Wegweiser der Stadt stolz die Route zum internationalen Viertel ausweisen, welches neben dem ICC und der UN allerdings nur urdeutsche Institutionen wie der Post, dem Bundesverband der Deutschen Volksbanken & Raiffeisenbanken und dem Bonner Ruder-Verein von 1882 e.V. beherbergt. Auch Bonn-Beuel, einst wie ein strollendes, unwilliges Kind von seinem großen Bruder auf der anderen Rheinseite durch die Weltgeschichte geschleift, zeigt Alterserscheinungen und fristet nunmehr ein stummes Dasein.

Das "rheinische Nizza"..

Willkommen im rheinischen Hindukusch!

Denn die Lebendigkeit und Spannung der Stadt sind gegangen, in administrativer Form nach Berlin und in urbaner nach Köln. Wenngleich Bonn heute als internationale Konferenz- und Politikstadt firmiert und den gemeinen Rheinländer als Prototyp des modernen Weltbürgers anpreist, gelingt es nicht, die Eleganz der Weltbühne zurückzuholen. Auf den Mai-Kundgebungen wirkten die großväterlichen Polizisten fast wie Wachsfiguren; ihre abgewetzten Knüppel zeugen noch von Tagen, in denen es zum guten Ton gehörte, zuweilen einen Hippie zur Strecke zu bringen. Auch der Bonner Hauptbahnhof wirkt so schnuckelig und provinziell, dass man ungläubig nur darauf wartet, Konrad Adenauer und seinen dampfenden Regierungszug um die Ecke biegen zu sehen. Sogar die Schmuddelläden in den Seitenstraßen wirken im Vorbeigehen stilvoller und gediegener als so manches Hamburger Ortsamt und lassen vermuten, dass selbst die „Vollkaufmänner“ bekannter Motorrad-Gangs ihre Kundschaft im edlen Zwirn begrüßen.

Nun, um den Bogen zurück zu meiner Wenigkeit zu spannen: Ich weiß nicht, wie es dem geneigten Leser ergeht, aber ich empfinde es als betrüblich, dass ich nun schon all meine Kreativität missbrauchen muss, um mir das Leben hier spannend zu reden. Statt um Africa Sana und die Belange der Entwicklungspolitik kreiseln meine Gedanken nun um das Bonner Loch und werden leider allzu oft davon verschluckt. Manchmal habe ich Angst, dass meine „Weltlust“ von der beschaulichen, rheinischen Eintracht aufgesogen wird, wie das Blut der Opfer von Graf Dracula. Wenn weltwärts ein Gegengift ist, dann wäre ein Studium in Bad Honnef wohl das entsprechende Toxin dazu. Ohne die tollen Menschen schmälern zu wollen, die ich sowohl hier, als auch in Bonn kennengelernt habe, ist BH mein kleines, persönliches „Afghanistan“: Man möchte lieber heute als morgen verschwinden, hat aber in irgendwelchen Verträgen nebst Seele auch viel Geld und Zeit verschrieben. Die Umgebung ist zwar landschaftlich reizvoll, doch die umliegenden Bergketten kesseln das Leben förmlich ein und senken sich wie Scheuklappen vor die Augen der Bewohner. Dementsprechend argwöhnisch bis feindselig lugen die Locals unter ihren Turbanen.. Verzeihung, ..Schiebermützen hervor und zischen im Vorbeigehen ketzerische Verwünschungen in einer unbekannten Sprache. Selbst in der eigenen Truppe sind, bis auf ein paar Ausnahmen wohlgemerkt(!!), hauptsächlich einfältige und unkritische Mitläufer, die Sinn & Zweck des Einsatzes nie in Frage stellen.

Aus diesem Grund halte ich für es durchaus legitim, meinem Fernweh zuweilen freien Lauf zu lassen und mir die sabbernden Sitznachbarn in der Stadtbahn als ehemalige Spitzenbeamte vorzustellen, die einst den Grundlagenvertrag mit der DDR ausarbeiteten..

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Responses

  1. Pass bloß auf dich auf, Lenny! Meine Frau war Ende März eine Woche in Königswinter und ist mit den nämlichen Eindrücken zurück gekommen.


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