Verfasst von: lennyhamburg | 16. Januar 2012

Denn die Welt ist nicht genug..

Ein verspäteter Epilog.

Nun, da die letzten Tränen um Kim-Jong-Il verdrückt sind und C. Wulff allmählich erkennt, dass er sich mit Tipps zum Thema „Good Governance“ für’s erste zurückhalten sollte, ist es Zeit, ein paar alte Ideen hervorzukramen und einen Blog-Eintrag zu vollenden, dessen Anfänge bis in den September zurückreichen.

Es ist ruhig geworden um meinen Blog, eine fast melancholische Stille liegt über meinem Tansania-Jahr und der Erinnerung daran. Vielleicht ist es die Aura meiner neuen „Heimat“, Bad Honnef? Jenem oberirdischen Friedhof, der den Charm eines Altenlagers aus dem ZDF-Knüller „Aufstand der Alten“ hat und einen (Konrad-Adenauer-) Personenkult betreibt, der jedem Nordkoreaner Tränen in Augen treiben würde?

Nein, das wäre zu einfach. Inzwischen ist ein knappes, halbes, Jahr ins Land gezogen und das Alltagsleben hat mich geschluckt wie ein superschweres, schwarzes Loch. Drinnen ist es absolut still, düster und geradezu einschläfernd banal. Prinzipiell nichts schlimmes, doch im Vergleich zum lebendigen, aufreibenden Großstadtleben in Dar Es Salaam ist es.. sagen wir mal, etwas ‚ernüchternd‘. Ernüchternd ist allgemein ein gutes Wort, um meinen „Wiedereintritt“ in die europäische Hemisphäre zu beschreiben. Nach dem kulturellen Tiefenrausch in Tansania folgte ein allzu abrupter Aufstieg in die hinterletzte Ecke des Rheinlandes; von der Ocean Road nach Oberdollendorf.

Bad Honnefer' Jungspund

K.A. – Bad Honnefer‘ Jungspund

Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie (oder sollte ich sagen: Bitterkeit?), dass ich mich nun genau nach jenen Unterschieden sehne, die ich Zeit meines Jahres verdammt habe: Das Leben in der kulturellen Schwerelosigkeit, deren schwammige Rahmenpunkte man erst spürt, wenn man unversehens dagegenknallt. Unzählige Male habe ich mich darüber beklagt, aber es hat mir doch enorme Freiheiten beschert, die mir erst im Nachhinein bewusst geworden sind. Sicherlich steckt viel nachträgliche Verklärung mit drin, die Wahrheit liegt (wie immer) wohl irgendwo dazwischen. Mein Status als Kultur-Transitreisender hat mir unbestreitbar allerlei Türen geöffnet, ich konnte mich vormittags in Kariakoo durch den Markt wühlen und danach im CityGarden einen Milkshake schlürfen. Manchmal (eigentlich sogar ziemlich oft) war dieser Spagat anstrengend, aber irgendwie habe ich ihn doch ausgelebt. Nicht, dass ich hier weniger ‚frei‘ wäre; aber Obst auf dem Markt zu erhandeln hat einfach mehr Witz, als bei HIT von pubertären Verkäufern dazu genötigt zu werden, matschige Analog-Mango aus der Dose zu kaufen.

Anscheinend läuft es immer auf die finale Frage hinaus, die sich mir schon öfter aufgedrängt hat: Lieber schwitzen oder frieren? Auch wenn meine Blogartikel mitunter ein selektives und überspitztes Bild gezeichnet haben, war mein Jahr auch von einigen Durchhängern geprägt. Doch im Nachhinein würde ich selbst zehn Stunden im Horrorbus gegenüber dem InterCity der Deutschen Bahn bevorzugen..
Okay, schlechtes Beispiel.
Nochmal: Doch im Nachhinein wirken selbst die Widrigkeiten einer tansanischen Großstadt verlockender als die herausforderungslose Einöde des Rheinlandes. Mein Über-Ich sagt nun: „Sowas sagst du aus der Position des Luxus heraus, aus der kleinen, aber feinen Zwei-Mann-Zelle im Studentenwohnheim!“ Stimmt. Aber ich warte seit dem Rückkehrseminar im September darauf, dass sich diese Erkenntnis im Kopf einstellt. Bisher hat sie es nicht getan und ich befürchte, bis das geschieht, werden noch einige Tage ins Land ziehen. In einem Jahr wird die Welt sprichwörtlich wieder ganz aussehen, aber noch sind die Erinnerungen zu prägnant.

Mit Bad Honnef habe ich mir mein Grab (böse Anspielung auf die Altersstruktur des Ortes!) gewissermaßen selbst geschaufelt, aber ich muss gestehen, dass mich Tansania wesentlich stärker beeinflusst hat, als ich es je erwartet habe. Damit meine nicht das chronisches Fernweh & all jene Phänomene, die durch nachträgliche Romantisierung der Erlebnisse hervorgerufen werden; Vielmehr hat sich auch mein Horizont verschoben. Klingt zwar kitschig, aber eine bessere Umschreibung fällt mir nicht ein. Mein Faible gilt zwar nach-wie-vor Flugzeugen, aber neben dem eigentlichen Fliegen ist es nun genauso spannend, sich von ihnen in alle Welt hinaustragen zu lassen.

All das mag recht unbedarft und unerfahren klingen; zum Teil ist es das auch. Aber dieses Recht darf ich mir getrost herausnehmen, zumal man so prima die Anbiederungen einiger „heile-Privatuni-Welt-Studenten“ ausblenden kann. Denn viel schlimmer ist es, mit solchen Erfahrungen nie konfroniert geworden zu sein und die Welt aus einer Perspektive zu beurteilen, deren Horizont sich nur bis zu Papi’s Schlösschen in Monaco erstreckt.

Nun denn, der Tag neigt sich dem Ende und bevor mich der Geiste Konrad Adenauers für meine abfälligen Kommentare heimsucht, gehe ich lieber ins Bett.

Baadaye!

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Responses

  1. … herausforderungslose Einöde …, ja! Ich musste wegen des Europäischen Wettbewerbs (ältester und größter Schülerwettbewerb) mehrfach nach Bad Honnef. Deine Sicht trifft es. Und noch eine Warnung: Bad Honnef ist nicht sofort erkennbar gesundheitlich gefährdend. Die Verwaltungsangestellten, mit denen ich zu tun hatte, hat es alle in jungen Jahren per Herzinfarkt hinweggerafft. Nicht Stress, sondern herausforderungslose Einöde, auch das ein erheblicher Risikofaktor!


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