Verfasst von: lennyhamburg | 24. August 2011

Sunday bloody Sunday..

Heute ist zwar schon Mittwoch, aber wir verbuchen das mal unter dem Stichwort ‚künstlerische Freiheit‘. Außerdem ist Sonntag einer dieser Tage gewesen, an dem sicherlich irgendein melancholisher Daniel Powter-Song im Hintergrund gelaufen wäre, wenn mein Leben einen Soundtrack hätte. Aber das hat es leider nicht und so musste ich mich mit NDR-2 begnügen, um die unheimliche Stille zu vertreiben, die mich seit dem 12.8. umgibt. .

Denn an jenem Tag habe ich um 13:44, nach gut 24 Stunden Reisezeit, wieder Hamburger Boden betreten. Bedächtigen Schrittes bahnte ich mir den Weg durch das Terminal, die abgewetzte TAREA-ID-CARD noch aus alter Gewohnheit griffbereit in meiner Tasche. Mit einem geräuschvollen Klack! landete der 17. Stempelabdruck seit August 2010 in meinem Reisepass und symbolisierte damit das Ende meines Freiwilligendienstes. Angesichts der vielen Sterne auf den Schulterklappen des Grenzbeamter hätte ich fast salutiert und mit „Mission Accomplished, Sirrrrrr!“ geantwortet, wenn der Polizist nebst Namen auch noch ‚Einsatzstelle Tansania, DTP 10/11″ vorgelesen hätte. Schließlich das bange Warten am Gepäckband und die erleichternde Erkenntnis, dass mein privater Mango-Import den Fängen des Zolls entgangen ist. Seit Beginn meines Jahres habe ich mir immer wieder Gedanken darüber gemacht, wie es sich wohl anfühlen wird: euphorisch? traurig? emotional? verstört? Letztendlich trifft es ’nüchtern‘ wohl am besten, in positiver wie in negativer Hinsicht.

Es ist fast so, als hätte ich Ohropax in den Synapsen meiner gefühlsgesteuerten Gehirnhälfte. Bis zum Anschlag. Ich erkenne zwar alles wieder, mein Zimmer ist schon nach zwei Tagen genauso chaotisch wie damals, die Elbphilamonie ist immer noch nicht fertig und das Leben im heimischen Brehmweg hat keine unerwarteten Eskapaden hervorgebracht. Selbst die Currywurst schmeckt wie immer…nur irgendwie fad. Und das ist vielleicht der Punkt, mir fehlt einfach der Geschmack des Lebens, das Gefühl, drin zu sein. Es ist ein bissschen wie kalte Pizza: Sieht von außen lecker aus, aber wenn man reinbeisst, ist es doch nicht so das Wahre.

Um mal auf meinen russischen Kosmonauten-Freund Juri Gagarin zurückzukommen: Ich bin immer noch in der Schwerelosigkeit, nur ist mein Raumschiff statt einer betagten und unbequemen Wostok-Kapsel nun ein Space-Shuttle, mit Kaugummi-Resten unter den Sitzen und zerknüllten McDonalds-Einwegbechern auf der Mittelkonsole. Aber festen Boden unter den Füßen habe ich immer noch nicht. Mit jedem Tag spüre ich die stärker-werdende Anziehungskraft der Heimat, doch bis zum finalen Eintritt werden wohl noch ein paar Tage ins Land ziehen. Immerhin ist die Bordverpflegung nun sehr abwechslungsreich und dank Mamas-Kochkünsten auch gut bekömmlich, doch ohne „Surround-Feeling“ bleibt alles etwas geschmackslos. Genau wie Ugali, jener geschmacksneutraler Maisbrei, der nur dann schmeckt, wenn man im Dunkeln im Busch hockt und verloren in den Sternenhimmel guckt.

Genauso weit weg wie Milchstraße & Co. erscheint mir auch Tansania. Bisher habe ich ehrlich gesagt kaum einen Gedanken an das vergangene Jahr verloren, obwohl es mit Sicherheit die aufregenste Zeit war, die ich je erlebt habe. Angesichts dessen tue mich auch ziemlich schwer, mein Abschlussbericht fertigzustellen zu beginnen. Irgendwie begruselt mich der Gedanke zurück, selbst wenn ich an meine Ankunft denke, beschleicht mich ein dumpfes, unangenehmes Gefühl. Etwas, das mich schnell zu anderen Dingen übergehen lässt. In den letzten Tagen vor dem Abflug konnte es mir gar nicht schnell genug gehen, ich hatte innerlich abgeschlossen und wollte den nächsten Schritt tun. Erst am letzten Abend ist mir bewusst geworden, dass ich all die Duka-Verkäufer, Obsthändler und Reifenaufpump-Menschen, mit denen ich tagtäglich zu tun hatte, so schnell nicht mehr sehen werde. Zwar waren jene Bekanntschaften zumeist nur oberflächlich, doch haben sie mich Tag für Tag umgeben, 357 Tage lang. Von meinen richtigen Freunden mal ganz abgesehen, doch mit denen kann ich immerhin über Mail in Kontakt bleiben. So bin ich letztendlich schweren Herzens in den Flieger gestiegen; zwar mit enormer Vorfreude auf den nächsten Lebensabschnitt, aber auch mit der traurigen Gewissheit, dass mit dem Freiwilligen-Leben für’s erste finito ist.

Ich habe Tansania mit dem Gefühl (bzw. der Hoffnung) verlassen, einen Eindruck hinterlassen zu haben, der sicherlich mit der Zeit etwas einstaubt, in seinen Umrissen aber auch noch später zu sehen sein wird. Seien es Freundschaften, die ich geschlossen habe oder Errungenschaft im Job, die hoffentlich auch meinen Nachfolgern als Grundlage dienen. Mein Traum ist es, im nächsten Sommer zurückzukehren, als Praktikant bei Coastal Aviation oder Precision Air. Ob das klappt steht natürlich noch in den Sternen, bisher ist es nur eine Vision. Doch habe ich schon bei meinem ersten Tansania-Besuch anno 2007 gesagt: Man sieht sich immer zwei Mal im Leben.

2008 erfolge der Gegenbesuch der Tansanier.

2010 gab es ein drittes Wiedersehen mit vielen der damaligen Leute.

2012 ?

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Responses

  1. Trotz allem Noch-in-der-Luft-und-zwischen-den-Welten-hängen: willkommen im guten alten Hamburch, lieber Lenny!
    Lass es innerlich noch ein bißchen sacken, das letzte Jahr! Ich habe gehört, dass es so schnell nicht geht, dass man sich wieder heimisch fühlt zu Hause. Mit der Zeit wird es dann aber doch und dann kommen auch wieder die Pläne und Gewissheiten, wohin es weiter geht.

    An dieser Stelle nochmal ein Dank für deine tollen Berichte, die ich immer gerne gelesen habe, auch wenn ich mir den Kommentar dann doch gespart habe…

    Liebe Grüße
    Ulrike von Interdomizil (falls du dich noch dunkel erinnerst 😉


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