Verfasst von: lennyhamburg | 3. August 2011

definiere: tansanisch

Verehrte Leser,

vielleicht ein letztes Mal meldet sich Lenny alias Lennardi/John/Peter Crouch/Pavel Nedved/warum hast du Osama getötet!?!/Mr. Lenn aus dem fernen Tansania. Ich muss zugeben, meine Schreibleistung hat im Laufe der Zeit eindeutig nachgelassen, aber je mehr man im Leben drin ist, desto weniger auffällig & berichtenswert erscheinen die Dinge. Vieles ist hier für mich so normal geworden, sodass ich inzwischen – lapidar gesagt – Bammel vor der Rückkehr nach Deutschland verspüre. Was mir dabei Angst bereitet sind, sind weniger Land & Leute, als Unterschied & Umstellung an sich. Wenn ich an das ‚deutsche‘ Leben denke, fallen mir zwei grundsätzlich gegenteilige Begriffe ein: selbstverständlich und unvorstellbar. Dabei bin ich kulturell weit weniger tief eingetaucht als manch Andere, habe ich doch vergleichsweise international gelebt.

Während ich diesen Text gerade schreibe, ist mein Magen gerade mit der Mischung aus einem CityGarden-Milkshake, Wali na Mishkaki, zwei Twix-Riegeln und einem Rest Kochbananen von gestern Abend beschäftigt. Nun höre ich einige schreien: Ääähhh, Twix, wie untansanisch! In der Tat kenne ich keinen einzigen Tansanier, der jeden zweiten Abend zur Tankstelle um die Ecke pilgert, um sich für 1000 TZS seine Dosis Schokolade abzuholen. Den Angestellten dort ist das egal. Die freuen sich auf einen kleinen Plausch, für den die meisten einheimischen Kunden leider keine Zeit übrig haben. Hach, wie untansanisch! Man kennt meinen Namen, meine Vorliebe für Erdbeermilch, meine Herkunft, Tätigkeit und warum ich Kiswahili spreche. Ob ich dort hinkomme, um tansanische Visheti oder deutsche Ü-Eier zu kaufen, interessiert keinen.

Der o.g. Mix spiegelt ziemlich präzise meinen Lebensstil wieder: Hier, da und irgendwo dazwischen. Die Einen halten es für einen Vorzug der Großstadt, die Anderen bemängeln, wie wenig dies mit dem „wahren“ tansanischen Leben zu tun hätte. Klar, hat das wenig mit dem Dorfleben in den Weiten des Landes zu tun. Doch ist es deswegen weniger ‚tansanisch‘? Definiert man die abendländische, deutsche Kultur (kleine Hommage an den Horst Seehofer! ;-)) nicht genauso über Metropolen wie Hamburg oder Berlin wie über die Heimatorte beleibter, bayrischer Milchbauern?

In DSM ist es egal, mit welcher Hand etwas übergeben wird, kurze Hosen sind genauso im Straßenbild zu finden wie Masaai mit klassischem Tuchgewand, Handy-Headset & fetter Guchi-Sonnenbrille. Das dabei Traditionen, Riten und Verhaltensweisen unter den Tisch fallen, gehört (bedauerlicherweise?) dazu. Allerdings ist der Verlust von Traditionen ist aber nicht gleichbedeutend mit dem Verschwinden der dazugehörigen Kultur; vielmehr ist es ein Zeichen, dass eine Entwicklung stattfindet und den nächsten Generationen die Chance eröffnet wird, selber einen Weg in einer globalisierenden Welt zu finden. Die Liberalität der Stadt lässt die Samen der kulturellen Entwicklung weitaus besser gedeihen, als die durch Tradition geprägte (bzw, gehemmte) Landleben. Stadtluft macht frei, mhh?

Mein Weltwärts-Jahr hat sich nicht nur durch den Einblick in eine andere Kultur ausgezeichnet, sondern auch durch die Begegnungen mit interessanten Menschen (-aus meinem Kulturkreis), die als Praktikant, Student, Referendar oder Stipendiat ihren Weg nach Tansania gemacht haben. Gerade das habe ich vorher nicht erwartet, zählt nun aber zu den absoluten Höhepunkten meines Jahres. Dank des Gästezimmer weht in unserem Haus ein Hauch vom Hotel Honolulu umher: Man sieht Leute aus allen Herren Länder, fast jeden Tag erblicke ich neue Gesichter oder begrüße jene, die inzwischen als Stammkundschaft ein- und ausgehen. Einige sind gekommen, um (hier in Tansania) zu bleiben; andere sind nur auf der Durchreise und bleiben keine zwei Stunden bei uns. Von A wie Abenteurern bis Z wie Zoologen haben sie alle schon bei uns genächtigt und einen Eintrag im Gästebuch hinterlassen

Nicht weniger aufschlussreich war auch der politisch-gepräge Einblick in eine Welt, die ich nicht als ‚Entwicklungsländer‘ betiteln soll und nicht als ‚globaler Süden‘ betiteln will. Kaum ein anderes globales Problem zieht dermaßen viele Heuchler und wannabe-Experten an wie die Entwicklungsdisparität zwischen den Industriestaaten und..naja, ihr-wisst-schon-was. Gerade DURCH die ganze Taktierei tut man den Menschen unrecht und verstrickt sich in elendige Ambivalenz. Dient ‚political correctness‘ nicht dem Zweck, neutral zu berichten und keiner Bevölkerungsgruppe auf den Schlips zu treten?! Wenn sich nun scharenweise Politikwissenschaftler darüber streiten, ob das E-Wort denn jetzt in Ordnung ist oder nicht, legt man damit nur den Finger in die Wunde und erreicht den gegenteiligen Effekt. Viele legen dabei ein Verhalten an den Tag, dass man jeden Samstag um 15:30 in deutschen Fussballstadien beobachten kann: Kommentieren jede Aktion, schimpfen über den Schiedsrichter und würden sowieso alles besser machen, während sie in der klimatisierten Business-Lodge sitzen und Cocktails schlürfen. In der Halbzeit folgenden dann tiefgründige Hintergrundanalysen, bevor es aufs Neue losgeht. Selbst mir als Außenstehender geht das Ganze schon mächtig gegen den Strich. Klar ist Entwicklungszusammenarbeit ein schwieriges Feld, bei dem man es eigentlich nur falsch machen kann. Doch solche verkappten Hansa-Rostock-Fans in Globetrotter-Funktionskleidung machen es irgendwie nur noch schlimmer, zumal sie außer den Visagebühren kaum einen Nutzen für das Land abwerfen. Glückwunsch! Wird man einer gewissen Zeit dieser Heuchelei ausgesetzt, ist es wie mit der Strahlenkrankheit: Man will sich einfach nur noch übergeben.

Warum heißen Entwicklungsländer so? Weil sie die Industrieländer entwickelt haben.

Treffender, als mein ehemaliger Geographie-Lehrer, hätte man es nicht ausdrücken können. So viel zu diesem Thema.

Bis bald,

Lenny

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Responses

  1. super Eintrag! Das musste ich grade los werden.
    Sei gegrüßt aus Mafinga…


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